Gemeindeheim 1942

Um unsere Gemeinde historische einordnen zu können, müssen wir bis ins 13. Jahrhundert zurückblicken. Sie werden einwenden, dass es da ja in unserem heutigen Gemeindegebiet noch keine Bebauung und nur Wald und Felder gab, doch der Ursprung liegt im inzwischen weit über 700 Jahre alten Dorf Alt-Heiligensee; unserer Muttergemeinde (Foto links unten: Dorfkirche 1901).

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in der für alle Heiligenseer Kirchengemeinden weitreichende Entscheidungen getroffen. In der Zeit von 1848 bis 1876 war Pfarrer Julius Adolph Schultze für die drei Gemeinden Heiligensee, Niederneuendorf und Hennigsdorf zuständig. Pfarrer Schultze war damals maßgeblich an der Überzeugung der Bauern zu Reformen für eine verbesserte Ackerwirtschaft beteiligt. Diese sogenannte "Heiligenseer Separation" von 1851 bis 1854 (Flurbereinigung der Feldmark, Zusammenfassung verstreut liegender Ackerstücke der Höfe) bedeutete für Heiligensee ungefähr das, was für die Berliner die Revolution von 1848 war. Noch immer haben die Gemeinden diesen „Landbesitz“, dem heutigen Diakoniezentrum.

Da im sogenannten Neu-Heiligensee (Schulzendorf, südlich der Ruppiner Chaussee) die Besiedlung immer weiter zunahm, entschloss sich die Dorfkirchengemeinde zu einer Außenstelle in der Schulzendorfer Straße; 1936 wurde mit dem Bau eines, wie es damals hieß, Gemeindeheimes, begonnen und 1938 eingeweiht. Mit dem neuen Haus im niedersächsischen Landhausstil entstand ein Kirchsaal, Wohnungen für Pfarrer und Gemeindeschwester. (zum Thema Glocken s. extra Kapitel)

Zunächst wurde diese zweite Predigtstätte durch den „Siedlungsdiakon“ Friedrich Gistel betreut. Nach seinem Tod war Pfarrer Edgar Graupe von 1946 bis 1948 für die Außenstelle zuständig, doch der erste allein nur für die Gemeinde „Neuheiligensee“, immer noch Außenstelle der „Muttergemeinde im Dorf“, angestellte Pfarrer war Lothar Jurisch.

1952 konnten endlich Kriegsschäden beseitigt werden, so dass der Kirchsaal wieder für Gottesdienste, die zwischenzeitlich im Nebenraum stattfanden, nutzbar war.Noch während der Dienstzeit von Pfarrer Jurisch vollzog sich 1957 die rechtliche Abtrennung von der damaligen Dorfkirchengemeinde. In den „Trennungsverhandlungen“ wurden, neben den finanziellen Bereichen, auch die Gemeindegrenzen (im Wesentlichen Am Dachsbau) sowie die Flurstückszuordnungen im Diakoniezentrum festgelegt.
 
1961, im Jahr des Mauerbaus, konnte endlich die Ofenheizung durch eine modernere Zentralheizung abgelöst werden und der Kirchsaal erhielt nun auch eine Orgel. Im gleichen Jahr begannen auch die Zukäufe von Nachbargrundstücken, so dass u.a. die Pläne zum Anbau eines Turmes in Angriff genommen werden konnten. Pfarrer Karl-Arndt Techel, der 1962 seinen Dienst aufnahm, zog mit seiner Familie ins neu erworbene benachbarte Pfarrhaus. 1963 dann, sechs Jahre nach der Verselbständigung, wurde der Name „Neu-Heiligensee“ abgelöst und die Gemeinde nannte sich von nun an Matthias-Claudius-Kirchengemeinde.

Ein Jahr später, also 1964, wurde Turm- und Sakristeibau, nach Plänen des Architekten Wolfgang Pingel, mit einer beeindruckenden Einweihungsfeier einschließlich der Glockenweihe (s. extra Kapitel) abgeschlossen.

Im Laufe der Zeit kam der Kirchsaal in die Jahre (Foto links: Kirchsaal vor 1978) und war reif für eine umfangreiche Restaurierung. 1978, inzwischen ist Pfarrer Dieter Anders seit 1975 im Pfarramt, erhielt der Raum u.a. eine Holzverkleidung und Buntglasfenster nach Entwürfen von Heinz Lilienthal aus Bremen. Die bei entsprechender Sonneneinstrahlung wunderbar wirkenden Fenster führen durchs Kirchenjahr: Advent, Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten.

Als eine der wesentlichen Erweiterungen des Kirchengebäudeensembles fügte sich 1985 der Gemeindesaal mit Bühne und Nebenraum, nach Entwurf des Architekten Rudolf Eschwe, langjähriges Gemeinde- und Gemeindekirchenratsmitgliedes, wunderbar ins Gelände ein. 1987 übernahm Jürgen Aporius das Pfarramt, das seit 2003 dann Volker Lübke (seit 2013 gemeinsam mit Pfarrerin Jana Wentzek) innehat.

Es war wieder Rudolf Eschwe der auf dem Gelände der Kirchengemeinde den Bau des Kindergartens „Arche“ einschließlich im oberen Geschoß befindlicher Jugendräume betreute, 2006 fertigstellte und dafür einen Architektenpreis gewann.

Die inzwischen fast 60jährige Geschichte der Matthias-Claudius-Gemeinde zeigt, dass Gebäude und Grundstück niemals statisch sind, sondern weiterleben, was z.B. die 2015 begonnene und für alle sichtbare Neugestaltung der Außenanlage belegt. Gemeindemitglieder, Besucher, Nachbarn und einfach Vorbeilaufende dürfen weiter gespannt sein.


Eine Kleine Glockengeschichte

Ich war schon sehr alt, bevor man mich fand, 1948, nach schlimmen Kriegs- und Nachkriegszeiten. Vom Westhafen kam ich in das idyllische kleine Heiligensee, wo ich in der Schulzendorfer Straße meinen Dienst verrichten sollte. Da die Kirche zu dieser Zeit noch keinen Turm hatte, kam ich an die Stelle, wo sich heute die Empore über den Saal erhebt. Genau dort hingen bis vor Kriegsende, vielleicht so 1944, meine beiden Schwestern übereinander, die gemeinsam mit der Kirche, damals Gemeindeheim, im Jahre 1938 geweiht wurden. Ihr Schicksal, ihr kurzes Leben macht mich nachdenklich und sehr traurig. In der Gemeinde-Historie heißt es dazu lapidar „Wegnahme der Glocken zu Kriegszwecken“. Geweihte Kirchenglocken umgeschmolzen zu Kanonen? Gab es damals Proteste, Widerstand? Ich weiß es nicht.

Nun kam mir die Aufgabe zu, an diesem verwaisten Platz, ganz allein wieder einen schönen Klang zu erzeugen. Offenbar muss ich das gut gemacht haben, da das Gemeindeblatt für viele viele Jahre nach mir, die Kleine Glocke, benannt wurde. Aber auch das ist schon wieder Geschichte.

Nach rund 16 Jahren, 1964 mit der Turmeinweihung, erhielt ich einen neuen Platz inmitten zweier größerer Schwestern. Diese waren extra für die Matthias-Claudius-Gemeinde neu gegossen worden; die eine, die 6,5 Zentner schwere „Gebetsglocke“ und die größere, die 11 Zentner schwere „Segensglocke“, versehen mit den Inschriften „GOTT LASS UNS DEIN HEIL SCHAUEN“ und „+ EIN HERR, EIN GLAUBE, EINE TAUFE, EIN GOTT UND VATER + ALLER DER DA IST ÜBER ALLEN UND IN ALLEN und jeweils
MATTHIAS-CLAUDIUS-GEMEINDE BERLIN_HEILIGENSEE 1964.

Neben meinem Kosenamen „Kleine Glocke“ bin ich die „Vater-Unser-Glocke“. Nun könnt Ihr mal herausfinden, wann wer erklingt und wann wir zusammen zu läuten haben. Wenn Ihr vom Gemeindekirchenrat den Mut habt, so entfernt doch die Holzverschalung oben am Turm; da könntet Ihr uns allzeit bestaunen.

Wenn ich heute hier oben so hänge, schaue ich manchmal sehnsüchtig auf meinen alten Platz in der Kirche, wo ich der Gemeinde näher war und vor allem an meine bereits in jungen Jahren zum Tode verurteilten Geschwister denke. Ich bin froh, diesem Schicksal knapp entkommen zu sein, wenn auch ich einiges zu durchleben hatte; meine Vita reicht weit zurück und ist sehr wechselvoll. Während meine heutigen Nachbarglocken sich mit langen Aufschriften und Gravuren zieren können, kann man mir lediglich eine lapidare Jahreszahl entnehmen: 1518.

Ich bin also alt, sehr alt, um nicht zu sagen steinalt, soweit sich das von Messing oder einer dieser Glockenlegierungen überhaupt sagen lässt. Da meine Aufgabe lediglich darin bestand, eine kleine Chronik meiner Matthias-Claudius-Zeit zu liefern, bin ich schon am Ende. Aber Ihr könnt Euch vorstellen, welcher Bericht neben den von ein paar Jahrzehnten mein Jahrhunderte altes Leben hervorbrächte. Nur so viel; meinen letzten Dienst versah ich in einer Kirche in den damaligen deutschen Ostgebieten. Auch ich wurde beschlagnahmt und ins Lager nach Berlin geschickt, um möglicherweise als Tötungsmaschine umgeschmolzen zu werden. Gottseidank kam das Kriegsende dazwischen.

Im Jahr 2018 könnt Ihr meinen 500. Geburtstag feiern, vielleicht zusammen mit dem 80. der Weihe des Gemeindeheimes. Es würde mich doch wirklich interessieren, welche heutige polnische Gemeinde mein alter Geburts- und Lebensort ist. Wenn Ihr es herausfindet und gar Gemeindeglieder von dort einladet, wäre das ein wunderbares Geburtstagsgeschenk. Ich würde Euch dann ein feierliches Friedensglockenspiel bereiten.

Christian Nestler